Ein Text für Menschen, die viel Hingabe leben
Was bedeutet es, keine Anhaftung mehr zu haben?
Ich gehe durch diese neue Landschaft, ich sehe, ich erlebe, aber nichts bleibt hängen, alles gleitet mit Leichtigkeit an mir vorbei.
Ich sehe die Spiegelung des Lichts, ich höre die Stimmen, ich liebe, aber ich muss nicht stehen bleiben. Ich bin frei.
Es ist ein seltsamer Zustand, der sich plötzlich entfaltet hat.
Ich habe ihn nicht angestrebt, ich habe nur die Steine auf meinem Weg aufgelesen, damit mein Weg frei ist, und ich bin älter geworden, erfahrener.
Gab es vor diesem Zustand ein Sterben?
Wie wurde es still?
Habe ich zu viel gelebt?
Bin ich müde geworden?
Ich spüre Liebe zu allem, was ist. Ich fühle mich mit allem verbunden.
Dieser Zustand ist reich und weich.
Ich will nichts besitzen und mit nichts sein, das mich einfängt.
Ich möchte mich an nichts binden, in nichts verloren gehen, meine Präsenz, die Stille und den Frieden in mir halten.
Hier bin ich, in Bali, und es ist schön. Ich nehme wahr, dass die Energie hier in Bali mir gut tut, wenn ich durch den Regen spaziere, in die weichen, entspannten Gesichter der Menschen hier blicke und die Weichheit der Energie mich umarmt.
Aber ich könnte es jeden Moment wieder loslassen, muss es nicht halten.
Es wird nicht für immer sein.
Wohin ich dann gehen werde?
Ich weiss es nicht, ich verspüre kein persönliches Bedürfnis.
Es wird dann geschehen, wenn meine Seele weitergeht.
Dieser Zustand ist nicht leer, aber er ist seltsam.
Meine „alte, weise“ Begleiterin sagte: „Ja, es ist wie Teflon.“
Sie hat eine Form von Humor, den ich mag, der das Leben nicht zu ernst nimmt.
Nichts haftet mehr an.
Mag ich diesen Zustand?
Ich habe den Zustand über Monate beobachtet, als vor der Auswanderung der Prozess begann, mich von allem zu lösen: den Menschen, der Umgebung.
Die Monate vor der Entscheidung auszuwandern waren geprägt vom Rückzug, der einfach stattfand, nicht bewusst von mir gewählt wurde.
Ich fühlte mich und die Welt immer noch, fein und klar, aber ich vermied starke, überwältigende Gefühle, alles, was mich verstrickte, mich aus meiner Stille riss.
Es trat eine Entfremdung ein, dem Alltag, der bekannten Welt gegenüber.
Nicht bei den Menschen, die mir sehr lieb sind, weil wir über das Herz und die Seele verbunden sind. Es blieb ein sehr kleiner Kreis, doch meistens zog ich es vor, alleine zu sein.
Ich schwebte durch diesen Prozess der Entfremdung der bekannten Welt gegenüber und fragte mich, ob ich vielleicht depressiv bin.
Aber das war es nicht, es fühlte sich an, als würden sich tausend Fäden lösen, die mich mit der Welt verbanden. Ich fühlte sehr wohl Freude in Momenten, wenn die Sonne mir zärtlich auf die Nase und den Scheitel schien, der Wind die Oberfläche des Sees leicht in Wellen versetzte und wenn ich Nachrichten von meinem Seelenfreund bekam und mich eine helle Leichtigkeit überkam.
Ich wälzte keine Gedanken, alles zog an mir vorbei, als würde ich auf einem Laufband durch die Welt getragen werden, vorbei an altbekannten Gebäuden und Vertrautheiten.
Glatte Oberflächen, die ich verwundert in ihrer Glattheit bestaunte.
Dann kam der Durchbruch der Idee auszuwandern, dieser Entschluss, der so tief aus mir herausbrach, mit gewaltiger Kraft, fast wie die Sprengung eines Berges.
Und dann folgten Monate der Vorbereitung im Inneren und Außen.
Und nun bin ich in Bali.
Und der Teflon-Zustand ist noch da.
Er ist mild, er ist frei und meistens leicht.
Ich beobachte ihn weiter und frage mich, ob ich ihn mag und was es für ein Phänomen ist.
Es fühlt sich manchmal etwas leer an, obwohl es leicht ist.
Manchmal spüre ich nach und finde nichts, das mich in altbekannter Weise begeistert und die Sinne berührt.
Was fehlt Dir, Samira?
Die Tränen rinnen die Wangen herunter.
Du willst dich nicht verfangen und wünschst doch, mehr zu fühlen?
Du vermisst die alte Leidenschaft und Lebensfreude? Das Eingebundensein in die Welt,
die starken Emotionen, die antreiben, umtreiben, ausfüllen?
Ich überlege es mir ernsthaft: “Ist dieser Teflon-Zustand, obwohl er leicht und friedlich und so frei ist, wirklich erstrebenswert?”
Ich fühle mich, als wäre ich hundert Jahre alt und hätte alles gelebt und gesehen, geschmeckt und gefühlt.
Ich bin immer noch gerne da.
Bin ich das wirklich?
Eine leichte Melancholie schleicht sich ein.
Und ich möchte allen Menschen, die noch stark über die Emotionen mit der Welt verbunden sind, zurufen: „Genieße es!“ „Genieße diese Form der Lebendigkeit, diese Dichte an Empfindungen und Leidenschaft.“
Ja, ich weiss, starke Emotionen können uns Menschen besetzen, unfrei machen, erschöpfen und zu Qualen führen, aber es setzt auch so viel Energie frei, es ist eine wundervolle Phase.
Versuche sie nicht nur hinter Dir zu lassen, genieße sie.
Und dann frage ich mich: “Was brauchst du, liebe Samira, damit du wieder mehr Freude empfindest?”
Und mein inneres Wesen zeigt mir sogleich das Zeichnen und Malen.
Wie oft habe ich diesen Aspekt weggedrückt, die Kreativität, das Bild, das vor dem Wort kommt. Die Kommunikation, die direkt aus dem Herzen und der Seele kommt.
Die eigene Freude beim Kreieren.
Die Farben und die Sinnlichkeit der Formen.
Ich habe mich die letzten zwanzig Jahre meiner Arbeit hingegeben, dem Schreiben und dem Zuhören. Und ich liebe es.
Aber ist es gut für mich, nur diese Hingabe zu sein?
Jeden Tag übe ich in der Meditation, welche ich vor jeder Sitzung durchführe, mich persönlich zurückzunehmen, um ein Gefäss für Kommunikation und die Liebe aus der göttlichen Quelle zu sein. Diese Arbeit der Hingabe, ein Gefäß zu sein für eine größere Dimension, die über mich hinausgeht, hat diesen Teflon-Zustand bestimmt zu einem großen Anteil gefördert.
Und dabei habe ich wenig Gegenbewegungen gemacht, wenige ausgleichende Impulse gesetzt, um selbst als Samira wieder zu leuchten, als Samira, der Mensch, um persönliche Freude zu empfinden.
Ich habe geübt, meinen persönlichen Klang zu löschen, damit es still wird für etwas Größeres.
Und mit diesen Gedanken beschäftigt, bin ich auf eine Zeremonie aufmerksam geworden, die ganz in meiner Nähe stattfand.
Ein zeremonielles Kakao-Trinken, begleitet von Klavierspiel und Meditation.
Und ich meldete mich sogleich an.
Obwohl ich äußerst selten an Veranstaltungen teilnehme, bin ich schon länger in Resonanz gewesen mit der Kakao-Zeremonie und wollte dies gern einmal erleben.
Und da saß ich und war etwas skeptisch, weil ich kein Gruppenmensch bin.
Der junge Mann, der die Gruppe führte, tat dies äußerst gut und erklärte den notwendigen natürlichen Anbau des Kakaos auf Bali, damit der Kakao wirklich die Energie verkörpert, die er für Zeremonien benötigt.
Nacheinander ließ er uns alle unsere persönliche Absicht für das Ritual aussprechen.
Ich nannte die persönliche Freude und war noch etwas in Unklarheit, ob dies die beste Formulierung ist, da ging es bereits los.
Wir tranken den Kakao, leicht bitter und sehr erdig.
Er begann dann Klavier zu spielen und wir saßen jeder für sich.
Und plötzlich war es sehr leicht zu sitzen, sein Klavierspiel unterstützte den Prozess und schenkte Energie, durch die Zeremonie zu gehen.
Es war sehr mild und sanft.
Ich versank in einem wunderbaren Traum aus Blau und reiste durch Gefühle, Ahnungen, Bilder und Visionen. Es wurde mir gezeigt, was mich von meiner Freude abhielt, und ich sah eine mögliche Vision von persönlicher Erfüllung.
Während der Meditation gab es gefühlt keine separate linke und rechte Hirnhälfte mehr.
Es war ein wundervolles Gefühl von absoluter Entspannung, die mein ganzes Gehirn durchströmte und ich nahm es bewusst als eine goldgelbe Einheit wahr.
Auch das Scheitelchakra war weich und entspannt.
Und es war ein sanfter Zustand von Glück.
Der Kakao war mild und gleichzeitig stark, ganz im Einklang mit dem Körper.
Wie eine Umarmung, die man nur spürt, weil man sie bewusst eingeht.
Doch der wirklich tiefe Effekt kam erst langsam danach. Als ich am nächsten Morgen aufstand, spürte ich, dass ich plötzlich mehr fühlte.
Ich hatte die Lust eines Kindes, im Nachthemd in den Pool zu springen und zu fühlen, wie das Nachthemd sich nass um meinen Körper bewegt.
Ich genoss den ganzen Tag nichts zu tun, einfach weil es mir Lust bereitete.
Ich tat nichts anderes als an anderen Tagen, aber ich war erfüllt von einer stillen inneren Freude, die nach Samira klang.
Und heute Morgen fuhr ich vor der Arbeit ans Meer und sprang wie ein Kind in die Wellen, genoss den Wind auf dem Motorrad, das Essen, das ich für mich auswählte. Und ich entschied, nur noch zu essen, was ich wirklich mag und nicht, wovon ich denke, dass es mir gut tut oder weil es zu meiner Identität gehört.
Und als ich im Regen durch das Dorf lief, genoss ich es, nass zu werden, und sprang zuhause als erstes endlich in den Pool, während mir der Regen auf den Kopf prasselte.
Plötzlich fühle ich wieder eine sehr persönliche Lebensfreude – ein Vibrieren und Schwingen, im und nahe um den Körper – nicht „nur“ die alles umfassenden Liebe, sondern ich fühle eine kindliche, sehr persönliche, verspielte Freude.
Es gibt mir einen Klang, der sagt: „Solange ich auf der Erde bin, solange ich einen Körper habe, der einen Namen trägt, werde ich es persönlich genießen.“
Die persönliche Freude ist wieder erwacht.
Was für ein erlösendes Wunder.
Und die Leichtigkeit, die Freiheit an nichts anhaften, ist die sanfte Welle, die meine Freude trägt.
Lebendig sein und frei sein.
Das persönliche Glück, was für ein Geschenk.
Wenn ich selbst glücklich bin als Samira, werde ich mit noch größerer Freude ein Gefäß für die große Seele sein.
Mit mehr Eigenklang, kann noch mehr Hingabe sein.
Nicht entweder oder, nicht vom Einen mehr oder vom Anderen weniger.
Die Reise beginnt immer wieder ganz neu.
Ich werde der persönlichen Freude mehr nachgehen, sie noch mehr entdecken und ihr zuhören. Sie nähren dadurch, dass ich sie lebe.
Alles darf berührt sein und schwingen.
Mit Freude meinen Lebensweg zu gehen als Mensch ist mein Wunsch.
Diesen Wunsch werde ich mir erfüllen.
