Der Atemzug nach Hause

„Was, wenn der Atem Gott ist?“

Dies war einer der ersten Sätze, mit denen Dan Brulé seinen Kurs eröffnete.

„Jeder Atemzug wurde von einem anderen Körper geatmet, bevor du ihn eingeatmet hast.“
„Es gibt keine Trennung. Trennung ist eine Illusion.“

Diese Worte öffneten einen Raum, der weniger mit Verstehen zu tun hatte als mit Erinnern.

Dan ist ein sehr erfahrener Lehrer und begann den Workshop mit dem Hinweis, dass er immer wieder überholte Formen auflöst. Dass er immer wieder verwirft, was er selbst manifestiert hat, welcher Lehre, Richtung oder Methode er angehörte.

Und so verlief auch sein Unterricht: intuitiv, reduziert, klar.
Reduziert auf das Wesentliche.
Auf die Essenz.
Auf die Magie des Atems.

Der Fokus lag nicht auf Struktur oder Theorie, sondern auf Präsenz.
Als hätte er mit großer Liebe und Aufmerksamkeit den Saft des Lebens langsam köchelnd reduziert, zu einem reinen, stillen Fond.

„Zwei Menschen kommen durch verschiedene, sich vielleicht widersprechende Methoden in den gleichen Zustand.“
(indirektes Zitat)
„Nichts ist falsch. Keine Technik ist falsch, selbst wenn sie falsch verstanden oder praktiziert wird.“
„Alles ist eine Möglichkeit, sich selbst zu erfahren.“
(indirektes Zitat)

Seine Präsenz selbst lehrte, was bewusstes Atmen ist.
Wir durften es sehen. Und fühlen.

Ich beobachtete, wie sein Atem seinen Körper bewegte, bis in die Fingerspitzen. Wie sein Gesicht still und entrückt wurde mit jedem bewussten Atemzug.

Für mich gibt es keine tiefere Art zu lernen als durch Beobachtung, Imitation und Anwendung.

Durch die Box atmen

Am letzten Tag führte er uns in einer Atemreise zurück in die innere Quelle.

Du atmest ein, so weit es sich natürlich und wohl anfühlt.
Und lässt die Ausatmung geschehen. Ohne Effort.
„Snap it.“
„Let it loose.“

Einatmung durch die Nase — aktivierend, klärend.
Ausatmung durch den Mund — lösend, befreiend.

Ohne Unterbruch.
Zirkular-Atmung.

Er verdunkelte den Raum und spielte Musik.

Das Einzige, was er tat, war, uns daran zu erinnern, weiterzuatmen.
Weiterzuatmen durch die Box, die uns definiert.

Unsere Persona.
Geformt aus Prägungen, Normen und Übereinkünften.
Übernommen aus unserem Umfeld.

Und darüber hinaus alles, was es bedeutet, eine verkörperte Seele zu sein.

Wir atmeten durch Sensationen.
Durch körperliche Sensationen.
Durch Emotionen.
Durch Gedanken.

Und weiter.

Bis sich etwas öffnet.

Es muss nicht alles aufgeräumt sein, bevor wir nach Hause kommen.
Aus unserer Mitte heraus löst sich vieles leichter.
Weiser.
Sanfter.
Mit mehr Liebe.

Der letzte Schritt geschieht nicht durch uns.

Er geschieht durch Gnade.

Die Schwelle

Ich atmete.
Und reiste.

Vorbei an verstörenden Wahrnehmungen, wie jemand, der durch einen dunklen Wald geht und angewiesen wurde, sich nicht von den Gestalten ablenken zu lassen, die aus dem Dickicht treten.

Dann kam die Wand.

Mein Atem wurde flach.
Mein Körper wollte aufhören.

Er hatte uns davor gewarnt. Wie bei einem Marathon.
Der Moment, in dem alles sagt: Ich kann nicht mehr, hier geht es nicht weiter.
Und genau dort beginnt ein anderer Raum.

Doch ich gab auf.

Ich öffnete meine Augen und blickte zur dunklen Decke.

Und dort war ein magentafarbener Fleck.
Er zog sich zusammen.
Und weitete sich wieder.

Er atmete. 

Erst später wurde mir bewusst, dass dieses Farbfeld meinen Atem spiegelte.

Ein.
Aus.

Ich hob meine Arme.

Und sah eine grüne Farbaura, die meine Hände umströmte.

In der Mitte meiner Hände pulsierte der magentafarbene Punkt weiter.
Die Decke begann zu leuchten. Farben erschienen und verschwanden im Rhythmus der Musik.

Und Freude erfüllte mich.

Eine kindliche, ursprüngliche Freude.
Die Freude am Sehen und die Sehnsucht danach.

Meine Arme blieben ausgestreckt, als würden sie sich nach etwas Geliebtem sehnen.

Die Luft war nicht leer.
Sie war Präsenz.

Ein feiner Licht-Dunst näherte sich und ich schloss die Augen.

Und dann geschah etwas, das keine Worte braucht.

Ein stilles Gefühl des Nicht-mehr-getrennt-Seins.
Als wären alle Dimensionen eins.
Als wären alle Seelen, aus allen Dimensionen vereint.
Als wäre ich zuhause.

Eine Träne rann aus meinem rechten Auge.
Und in ihr lag Liebe. Für alles.

Der Atem erinnert

Ich setzte mich auf und nahm eine Blüte aus der Mitte des Raumes.
Atmete ihren Duft ein.

Ein instinktives Bedürfnis, die Erfahrung zu verankern.

In mir entstand ein Satz:

Es gibt viele Wege nach Hause.

Und der Hunger war verschwunden.

Später nahm ein junger Mann die Blume an sich. Er hatte nicht gesehen, dass ich dieselbe Blüte zuvor an mein Herz hielt.

Am nächsten Morgen traf ich ihn und seine Partnerin beim Frühstück. Zum Abschied sagte er, er habe das Gefühl, wir würden uns wiedersehen. 

Kleine, feine Wunder der Kommunikation.

Alles ist verbunden.
Alles kommuniziert.
Wenn wir still genug sind es zu empfangen.

Wir müssen es nicht verstehen.

Der Atem genügt.

Verdauen

Dan Brulé sprach davon, dass wir nicht nur einatmen, sondern auch verdauen müssen, was wir aufnehmen.

Beobachten.
Befühlen.
Raum geben.

Der Atem erlaubt uns, die Intensität des Lebens zu regulieren.
Damit wir uns nicht vor der Intensität verschließen.
Auch nicht vor der schönen Intensität, wie die der Liebe.

Er lehrt uns, dass wenn wir mit dem Impulse der Einatmung entspannt umgehen lernen, wir angstfreier werden, resilienter gegenüber jeder Situation im Leben werden.

Zu pausieren.
Zu bleiben. wahrzunehmen. zu verdauen.
Zu vertrauen.
Loszulassen, immer tiefer.

Und dann wieder nährt uns der nächste Atemzug
Erweckt uns.
Er vereint uns mit dem Leben.

Nach Hause

Dan Brulé provozierte unseren Verstand.
Unsere Ungeduld.
Unseren Wunsch nach Effizienz mit seinen Erzählungen, bis wir offen wurden.

Absicht oder nicht — es wirkte.

Alles ist das, was man darin sieht.

Mit jedem Tag wirkt es weiter in mir.
Still.
Lebendig.
Erweiternd.

Ich bin dankbar, einem Lehrer begegnet zu sein, der nicht lehrt, was man denken soll, sondern erfahrbar macht, was immer da war.

Der Atem ist einfach.

Und er ist immer hier.

Er erlaubt uns, unseren Rhythmus zu wählen.
Raum zu halten.
Zu fühlen.
Zu verdauen.
Zu sein.

„Jeder Atemzug kann Liebe und Segen sein.“
Und ich beginne, Atemzug für Atemzug, nach Hause zurückzukehren.
Im Workshop fühlte ich mich zuhause.
Ohne Zweifel.
Ich war nicht mehr müde.
Als hätte das Atmen meinen inneren Motor wieder gestartet.